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„De Waber“ in Halle

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Alles beginnt mit Marx-Zitaten auf englisch, gesprochen aus dem OFF, dazu entsteigen in dunkle Ganzköperumhänge gehüllte, zottelhaarige Gestalten zu rhythmischem Maschinengedröhne dem Untergrund. Von oben hängen wie die Kettfäden auf dem Webstuhl Ketten mit Gewichten herab, durch die die Weber einen Fädelgang beginnen, menschlichen Weberschiffchen gleich. Ein schönes Bild. Spätestens jetzt hat der Zuschauer begriffen, dass nicht viel Naturalismus, dem das berühmteste Stück Gerhart Hauptmanns literaturgeschichtlich zugeordnet wird, zu erwarten ist. Assoziationstheater, mit mehr oder weniger viel sagenden Anspielungen. Der Fabrikant Dreissiger sitzt auf erhöhtem Niveau im Bühnenhintergrund, gibt sich malend als Schöngeist, während seine Frau Pirouetten neben ihm tanzt. Später baut er sich als Jesus-Gestalt auf, verheißt den Webern, die nur a paar Silbergroschel Vorschuss wollen, das gelobte Land aus Fabrikanten-Sicht oder er singt Rammsteins „Apotheose“ auf den Akkumulationszwang des Kapitals, den Song „MEHR“.

Das Blut, das im Stück fließt und historisch auf die Niederschlagung des Weberaufstandes 1944 verweist, steht in einem Maschinenbecken auf der Bühne und die aufständischen Weber stehen oder sitzen leise singend im oder am Becken, auch ein schönes Bild. Am Schluss erschießt Dreissiger aus Versehen, denn er kann gar nicht mit einem Gewehr umgehen, die Weber und seine Frau gleich mit. Alle spielen in einem SYSTEM mit,  weben an einem  Zusammenhang und sind trotzdem auch nicht der Verantwortung zur Selbstentscheidung enthoben. Sehr überzeugend auch: die Weber-Menschen sind keine edlen Frühproletarier, sondern vom Elend entstellte, krüpplige Existenzen.

Die Inszenierung von Jo Fabian hatte Premiere am 16. September 2011 in Halle und wurde sehr gelobt. Ich schließe mich dem Lob an, soweit sie die Kühnheit und Assoziationskraft vieler Bilder betrifft. Ich schließe mich ihm nicht an, was den Umgang mit dem Text, dessen Bühnenpräsenz betrifft: er kommt zu kurz, verkommt oft genug zum Geraune, dann wieder werden Passagen sehr hervorgehoben, ohne das sich mir erschlossen hätte, wie es dem Ganzen zuträglich sei. Schade um die suggestive Kraft der Sprache Hauptmanns.

Die nächsten Aufführungen finden am 8. und am 10. April statt. Schon mal vormerken! Und am besten vorher noch mal das Stück lesen. Dann versteht man mehr.

Über den Autor

Ich bin Marianne, zugewandert aus Ostberlin, erst Zufalls- und dann irgendwann Wahl-Hallenserin. Meine Themen hier: Film, Theater und NATUR.

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