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Altes Haus mit neuem Namen

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In jeder Stadt gibt es Orte, Plätze, Straßen, Gebäude, die besonders sind. Die meisten dieser speziellen Orte findet man in Stadtführern oder anderen touristischen Hilfestellungen, aber einige nicht. In dieser Rubrik soll es um hallesche Orte gehen, die eine besondere Ausstrahlung besitzen. Sei es, dass sie eine halletypische Aura verbreiten oder einfach nur die Sinne anregen. Einige von ihnen stehen im Stadtführer, aber die meisten nicht.

Das Haus am Töpferplan 3 fällt auf. Was macht diese Schrottimmobilie im geleckten Charlottenviertel? Die Zufahrt zum Grundstück ist ungepflastert, der Hof “naturbelassen“. Die zum Grundstück gehörigen Garagen wirken erschöpft von all den Grafittis der vergangenen Jahre. Ins Haus gelangt man je nach Anlass durch den Keller oder durch eine morsche Tür im hintersten Winkel des Hofes. Im Haus selbst wechselt die Atmosphäre ständig zwischen der Ästhetik des Verfalls, der Kreativität des Unaufgeräumten und dem Überraschungseffekt des Disparaten. Schön ist anders, aber Charisma geht genau so. Während sich die Gegend ringsherum in den vergangenen 20 Jahren teuer restaurierte oder sich im Wandel der Moden mit viel Stahlbeton und Glas herausputzte, bewahrte sich das Haus am Töpferplan 3 seinen maroden Wende-Charme – jene Aura der grenzenlosen Möglichkeiten, die in diesen Zeiten so stark war.

Garage am La Bim

Garage am La Bim

La Bim nennen die Hallenser das charismatische Haus. Seit Anfang der 90er Jahre widersetzt es sich mal mehr mal weniger erfolgreich dem Mainstream und wurde so zu einer Institution für die Freunde von Underground und Subkultur. Das Gewohnte und das Gewöhnliche haben bis heute nur selten eine Heimat in dem Haus gefunden. Namensgeber für das Haus war das im 1. Stock befindliche Kino, das vom La Bim e.V. betrieben wurde. Zeit seines Bestehens überraschte das Minikino mit einem Independent-Programm, das es so woanders einfach nicht gab. Splatter- und B-Movies, Japanische Animationen und frühe Arthouse-Filme flimmerten hier über die Leinwand. Die Auswahl war einzigartig, unorthodox, skurril und vor allem von großer Liebe zum Film geprägt. Veranstaltungen im “Ex-Raum“ hinter dem Kino komplettierten das alternative Kulturvergnügen und verlangten den Besuchern nicht selten eine völlig neue und unvoreingenommene Auffassung von Kunst, Theater oder Musik ab. Das La Bim war zudem Treffpunkt für Kreative, Träumer und Hippster jeglicher Couleur. Zahlreiche wilde Ideen, die Halles subkulturelle Szene heute noch prägen, wurden dort geboren. Der Preis für so viel Freigeistigkeit und kreativen Wagemut war immer wieder die finanzielle Bredouille und auch das Ausbleiben dringend notwendiger Reparaturen am Haus. Und so schwankte das Schicksal des La Bim von Anfang an permanent zwischen Schließung und Rettung. Eine Gratwanderung. Die Abrissbirne und der Sanierungskran der Investoren kreisten eigentlich permanent über dem Gebäude. Bisher zum Glück erfolglos.

Vorraum des La Bim Kinos

Vorraum des La Bim Kinos

Seit einiger Zeit soll das Haus nun Plan 3 heißen. Der La Bim e.V. ist ausgezogen und hat seinen Namen mitgenommen. Doch auch unter neuem Namen bleibt das Haus seinem Nonkonformismus treu. Ein Verein kümmert sich rührend und rührig um Haus und Kino. Der kultige Kinosaal wird zwar nicht mehr täglich bespielt, öffnet aber jeden ersten Sonntag im Monat seine Tür. Dann rattert der alte Projektor und über die Leinwand flimmert wie eh und je Außergewöhnliches. Auch der Ex-Raum ist weiterhin in Betrieb. In der 2. Etage des Hauses übt zudem ein Kickerverein seine seltsamen Tricks. Darüber haben sich 2 Modemädchen eingemietet. Im Keller tummelt sich seit Jahren die Partyguerilla der nächsten Generation bei ihren basslastigen Veranstaltungen.

Die neue Fassade am La Bim

Die neue Fassade am La Bim

Das La Bim ist einer der Orte, die fast jeder Hallenser kennt. Diese belebte “Ruine“ im Zentrum der Stadt ist natürlich auch als Plan 3 einen Besuch wert. Sei es um den Geist des Hauses bei einer Filmvorführung zu spüren oder einfach nur um die kürzlich vom Klub7 neu gestaltete Giebelwand zu bewundern. Häuser dieser Art gibt es nicht mehr viele in Halle. Möge die Abrissbirne deshalb noch lange kreisen über dem Töpferplan 3. Egal welchen Namen der kreative Freiraum darunter trägt.

[wpmaps company=“La Bim / Plan 3″ street=“Töpferplan 3″ city=“Halle“]

ÖPNV: Tram 2,4,5,7,9,12 Haltestelle Riebeckplatz bzw. Leipziger Turm
Öffnungszeiten: Kino jeden ersten Sonntag im Monat 20:00 Uhr; Kickercafe jeden Donnerstag 20:00 Uhr, Veranstaltungen

Über den Autor

Mein Name ist Markus Wollschläger. Ich bin 39 Jahre alt. Zur Zeit lebe und arbeite ich je zur Hälfte in Berlin und in Halle und finde das ausgesprochen gut so.

1 Kommentar

  1. daswollsch am

    Noch eine akustische Ergänzung zum ansässigen Kickerverein: http://soundcloud.com/trainer3001/kickern

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