Werbung

Die Flamme der Revolution

0

In jeder Stadt gibt es Straßen, Plätze, Gebäude, Winkel und Ecken die ganz besonders sind. Viele dieser speziellen Orte findet man in den einschlägigen touristischen Hilfestellungen, aber einige nicht. In dieser Rubrik soll es um Orte in Halle gehen, die eine besondere Ausstrahlung besitzen. Einige dieser Orte stehen im Stadtführer, aber die meisten nicht.

Das Fahnenmonument während einer Friedensdemonstartion 1981 (Quelle: wikipedia.de)

Das Fahnenmonument während einer Friedensdemonstartion 1981 (Quelle: wikipedia.de)

Die Bilder waren symbolträchtig und einprägsam: Lenin, wie er an einem Kranseil durch die Luft schwebt, unbewegt im Ausdruck, bereit zur Entsorgung. Anderen Idolen und Symbolen des Ostblocks erging es nach der Wende nicht anders. Sie wurden gestürzt, zerschlagen, zersägt, geschreddert und wenn wertvoll als sozialistischer Sekundärrohstoff der kapitalistischen Wiederverwertungskette zugeführt. Die 90er Jahre waren keine gute Zeit für Großplastiken und monumentale Überbleibsel aus der DDR-Vergangenheit. Auch in Halle war das nicht anders. Als beinahe letztes Relikt ostdeutscher Monumentalkunst wurden Ende Juli 2003 die Fäuste am oberen Boulevard entsorgt. Sie standen der Modernisierung des Riebeck-Platzes im Weg. Eine letzte Großplastik aus DDR-Zeiten steht in Halle jedoch immer noch an prominenter Stelle. Bedrängt zwar von den Institutionen des Kapitalismus, die ihr auf die Pelle rücken, steht die “Flamme der Revolution“ noch immer an ihrem Platz am Hansering. Unbeeindruckt von allen Veränderungen windet sie sich kraftvoll und dynamisch über 20 Meter in die Höhe und erzeugt beim Betrachter durchaus gemischte Gefühle.

Die "Fahne" in den 90ern (Quelle: vhs.halle.de)

Die "Fahne" in den 90ern (Quelle: vhs.halle.de)

Die “Fahne“ wie der Hallenser in Verkennung der Intentionen des Künstlers die Plastik nennt, steht dort seit 1967 und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Die architektonisch anspruchsvolle Stahlbetonkonstruktion musste sich von Anfang an den jeweiligen Verhältnissen unterwerfen. Nach den Ideen des Halle-Neustadt-Erbauers Siegbert Fliegel, der die Plastik entworfen hat, sollte das Denkmal einen wesentlich größeren Interpretationsspielraum bekommen, als den Auftraggebern seinerzeit lieb war. Und so wurde, dank der Partei, die immer Recht hatte, aus einer geplanten weißen Installation in kürzester Zeit eine rote Fahne der Arbeiterbewegung, deren verblassender Anstrich im Laufe der folgenden Jahre unfreiwillig das Verblassen der sozialistischen Idee spiegelte. Als dekorativer Hintergrund für die durchorganisierten Aufmärsche zum 1.Mai fristete die Fahne ihr Dasein in der DDR ohne jemals wirklich ein revolutionäres Feuer zu entfachen. Erst 1989 erwachte das Monument aus seinem erzwungenen Revolutionsschlaf. Parolen und Forderungen konnte man jetzt dort zu lesen. Als Endpunkt der Montagsdemonstrationen löste das Denkmal nun sein Versprechen ein. In den folgenden Jahren wurde es wieder ruhig um die “Fahne“. Ihre Funktion als symbolträchtiger Hintergrund für sozialistische Zeremonien hatte sie verloren, ihr revolutionäres Potential war in Zeiten von Reisefreiheit und Konsumfreude schnell vergessen. Ein alberner, uninspirierter Anstrich mit Fahnen und Hasen machte aus dem Kunstwerk ein Grafittimonster. Die Großplastik war zu diesem Zeitpunkt überflüssig, stand im Weg, konnte weg. Die FDP stellte den Antrag im Stadtrat, ein großes Unternehmen erklärte sich bereit, die Kosten der Beseitigung zu übernehmen. Das Schicksal schien besiegelt.

Die "Flamme der Revolution" lodert noch immer

Die "Flamme der Revolution" lodert noch immer

Doch das Monument steht, und das ist das eigentliche Wunder, noch immer. Nicht die Parteikader der SED, nicht die Bilderstürmer der Wendezeit und auch nicht die rationalen Erbsenzähler der New Economy haben es geschafft die “Flamme der Revolution“ zu löschen. Lediglich ein neues Farbkleid im modernen Pixeldesign wurde dem Monument vor einigen Jahren verpasst. Die Flamme trägt es ohne Murren. Auch dass eine Bank und ein Kommunikationskonzern sie inzwischen arg bedrängen, ihr den Atem rauben, und sie scheinbar erdrücken wollen, prallt an ihren massiven Betonschalen ab. Was für eine Symbolik in Zeiten von Occupy und Piratenpartei! Die Flamme der Revolution lässt sich nicht so leicht ersticken. Nach mehr als 40 Jahren steht sie trotzig mitten in Halle und wartet geduldig auf die nächste Gelegenheit, das Feuer neu zu entfachen.

[wpmaps company=“Fahnenmonument“ street=“Hansering 12″ city=“Halle“]

ÖPNV: Tram 1,2,5,6,10 Haltestelle Joliot-Curie-Platz

Über den Autor

Mein Name ist Markus Wollschläger. Ich bin 39 Jahre alt. Zur Zeit lebe und arbeite ich je zur Hälfte in Berlin und in Halle und finde das ausgesprochen gut so.

Hinterlassen Sie einen Kommentar