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Winterträume ohne Winter

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Zum 3. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Halle

Der sonnige Montag mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und fehlender Schnee verführten nicht gerade zu Winterträumen. So war nämlich das 3.Sinfoniekonzert der Staatskapelle Halle am Montag, 8. Dezember betitelt. Zur Aufführung kamen unter der Leitung von Gabriel Feltz:

  • Konzert Nr. 1 „Freche Orchesterscherze“ von Rodion Schtschedrin,
  • Concerto grosso Nr. 2 von Alfred Schnittke und
  • Sinfonie Nr. 1 g-Moll op. 13 „Winterträume“ von Pjotr Tschaikowski.

Das Konzert begann mit „Frechen Orchesterscherzen“, die der 34 jährige Schtschedrin 1963 komponiert hatte. In seinen Kompositionen verbindet Schtchedrin in Anlehnung an große russische Komponisten unterschiedliche Kompositionsmethoden, verwendet traditionelle Stilmittel und Elemente der Folklore. Auffallend ist seine Liebe zu einprägsamen Rhythmen und klarer Ausdrucksweise. Im „Konzert Nr. 1“ für Orchester kommt dies besonders gut zum Ausdruck. Dissonanzen aller Art, verzerrte melodische Entwicklungen sind nicht zu überhören. Die Staatskapelle brachte dies mit ihrem Dirigenten sehr gut zum Ausdruck.

Alfred Schnittke, russischer (eigentlich sowjetischer) Komponist mit deutschstämmigen Eltern, hinterließ 1998 ein gewaltiges Werk, das ihn als kompositorischen Gratwanderer zwischen Ost und West ausweist. Er ließ sowohl die russischen Leitfiguren wie Strawinsky, Prokofiew und Schostakowitsch, als auch die westlichen Komponisten wie Mozart, Mahler und Zimmermann, in gleichstarker Beziehung in seine Werke einfließen. Er entwickelte Verfahren, bei dem heterogene Materialien und Stile, Tonales und Atonales, Vergangenes und Gegenwärtiges, Vertrautes und Verfremdetes einander durchdringen und in einen neuen Zusammenhang gebracht werden. Polystilistik heißt diese neue Formgestaltung. Mit dieser autonomen, musikalischen Ausdrucksweise revolutionierte Schnittke in den 60er Jahren die Musikwelt und setzte neue Maßstäbe. Wegweisend war hier 1968 seine zweite Violinsonate, die den Übergang von der Zwölftonigkeit zur Polystilistik erkennen lässt. Das Concerto grosso No.2 war ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker, ein Konzert für 2 Solisten und Orchester, das im Verlaufe seiner 4 Sätze zwischen verschiedenen Stilen bis hin zur Atonalität schwankt. Arkadi Marasch, Violine, und Ramon Jaffé , Violoncello, hatten in diesem Konzert den jeweiligen Solistenpart übernommen. Marasch arbeitete sich bravourös durch die in jeder Hinsicht wechselhafte Partitur. Jaffé entlockte seinem Instrument in ungewohnt verschlungener Haltung (kein Cello-Lehrer würde das wohl tolerieren) die von Schnittke gesetzten Klänge. Sehr schön spielten beide Solisten die eingeflossenen stilistischen Elemente heraus, von à la Concerto grosso bis zur Dissonanz. Mit herzlichem Beifall dankte das Publikum den Solisten und dem Orchester für diese interessante Darbietung.

Mit Winterträumen verbindet man ja typischerweise Glühwein, Frost, Schnee für Wintersport, Pferdeschlitten, wohlig warme Kachelöfen, Stille über verschneiter Landschaft. Aber das meinte der gerade 28 Jahre alte Tschaikowski gar nicht. Mit der Komposition, seiner ersten Symphonie, die nach der Pause zur Aufführung kam, rebellierte er gegen ein in politischer Eiszeit erstarrtes Russland. Dieses Aufbäumen drückt das Orchester bereits sehr schön im 1.Satz aus, obwohl dieser (ironischerweise?) betitelt ist „Träumereien auf winterlichem Weg“. Sehr gefühlvoll bot das Orchester den 2. Satz dar, der an heimelige Stimmung im Wohnzimmer, glaubhaft an die russische Seele erinnert. Diese Idylle ist aber nur vorübergehend, denn im 3.Satz schlägt das Stimmungsbild wieder um, ein Walzermotiv wird verfremdet. Der 4.Satz beginnt mit einem Trauermarsch, pendelt dann zwischen Pathetischem, der sentimentalen russischen Seele und Turbulenz. Die Komposition beanspruchte Tschaikowski seinerzeit äußerst stark. Er überarbeitete diese Symphonie über Jahre mehrfach. Dabei sollte der übernommene westliche Symphoniestil einen russischen Charakter bekommen. Feltz führte das Orchester souverän durch die musikalischen Extreme und motivierte die Musiker dazu, ihr Bestes zu geben. Der Funke war übergesprungen. Ein sehr schönes 3. Sinfoniekonzert war entstanden.

Mit begeistertem Beifall dankten die Hallenser ihrer Staatskapelle für dieses anspruchsvolle und souverän geleitete Konzert.

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Über den Autor

Hans J. Ferenz ist freier Autor. Er schreibt über wissenschaftliche und kulturelle Ereignisse für Print- und Internetmedien.

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