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Sylvesterkonzert: Kaempfert plays Kaempfert

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Der Name Bert Kaempfert sagt dir nichts? Vermutlich doch, denn etliche seiner Melodien sind weltbekannt und unvergessen, z.B. „Strangers in the night“ oder „Spanish eyes“ oder Red roses for a blue lady oder ….. Vollmundig und vielversprechend war dieses musikalische Sylvesterereignis in Halle angekündigt worden:

„Unter der Leitung von Stefan Kaempfert und Keyboarder/Producer Marin Subasic bietet die international besetzte Live-Band eine moderne Mischung der besten Kaempfert Songs und Hits der letzten 50 Jahre im beliebten Retro-Kaempfert-Stil, angereichert mit Video-Material aus dem Kaempfert-Familienarchiv. Verwöhnen Sie sich mit dieser Show, ein reiner Genuss für Augen und Ohren! Sie werden begeistert sein.“

Bert Kaempfert und sein Enkel Stefan

Bert Kaempfert komponierte und arrangierte in den 60er und 70er Jahren Musik für Unterhaltungsorchester auf neue Weise. Er unterhielt zwar kein eigenes Orchester, produzierte aber mit Studioorchestern zweimal im Jahr neue Langspielplatten. Der neue typische Kaempfert-Sound „Easy-Listening“ ließ sich eigentlich nur im Aufnahmestudio realisieren.

Bert Kaempferts neuer Sound kam gut an. Sehr erfolgreich war er insbesondere in den USA und England. Mit „Strangers in the night“ gelang ihm ein Millionenhit, mit dem er wochenlang Nr. 1 in den US-charts war. Showgrößen wie Frank Sinatra und Al Martino feierten Riesenerfolge mit Kaempfert´s Songs. Kaempfert produzierte anfangs mit den Beatles, als die noch völlig unbekannt waren, später mit Elvis Presley und Frank Sinatra. 1980 stellte Bert Kaempfert ein Orchester zusammen, mit dem er u.a.in der „Londoner Albert Hall“ auftrat. Ein Mitschnitt dieser live-Veranstaltung wurde vor einigen Jahren sorgfältig remastered und als CD herausgebracht. Er verkaufte weltweit bis zu seinem Tode ca.150 Millionen Platten. „Ich möchte Musik machen, die nicht stört“ war sein Credo. 1980 starb Kaempfert erst 56jährig überraschend. 1993 wurde er postum in die amerikanische Songwriters Hall of Fame aufgenommen.

Viele Einspielungen von Kaempfert sind sofort an ihrem typischen Klangbild erkennbar. Maßgeblich dafür ist die Rhythmusgruppe. Bei den Melodieinstrumenten dominieren eindeutig Blechbläser, d. h. Posaunen und Trompeten. Streicher und gemischte Chöre tauchen oft in den Mittelteilen auf. Als Soloinstrumente werden vorwiegend Trompete und Posaune eingesetzt. Auch der Toningenieur hat durch gekonnte Abmischung einen maßgeblichen Anteil an der Kaempfert-spezifischen Klanggestaltung. Bis auf wenige Ausnahmen singt der Chor keine Texte. Typisch ist auch im Mittelteil eine Solopassage mit einer hohen Frauenstimme, die den Höhepunkt des Stücks darstellt.

Auszug aus der Erstausgabe der Schülerzeitung „Das Nadelöhr“ von 1966

Auszug aus der Erstausgabe der Schülerzeitung „Das Nadelöhr“ von 1966

Kürzlich entdeckte ich, dass ich als Gymnasiast meine erste Plattenrezension überhaupt in einer von mir mitbegründeten Schülerzeitschrift 1966 veröffentlicht habe. Meine Empfehlung galt der Platte „Best of Bert Kaempfert“! Vor 49 Jahren – Wow!

An die Erfolge seines Großvaters will jetzt Enkel Stefan Kaempfert anknüpfen.

Als Trompeter mit Jazzband-Erfahrung gründete er kürzlich ein Ensemble, das unter dem Motto „Kaempfert spielt Kaempfert“ durch die Lande reist. Am 31.12. gab es ein Konzert in dem Steintor-Variete in Halle (Saale). Stefan K. erzählte Geschichten, die er als Enkel mit seinem Opa erlebt hatte, das kleine Orchester spielte dessen Welthits unterstützt mit unterlegten originalen Orchesterphrasen, eine graziöse Tänzerin wirkte mit ihren Einlagen als Eye-Catcher auf der Bühne. Ein Erfolg, dieses Revival? Die Aufführung am Silvesterabend in Halle (Saale) war, obwohl nicht sehr billig, gut besucht. Das Publikum vorwiegend grauhaarig, Freunde des Easy-Listenings, vermutlich angefüllt mit Tanzschulerinnerungen, ließ sich von Stefan K., der als Conferencier und Trompeter agierte, in die heile Promi-Welt der Kaempferts entführen. Mutter Marion saß hinten beim Mischpult und seine Tochter Stefanie sang im Chor und als Solistin im Ensemble. Da Enkel Stefan schon lange in den Niederlanden lebt, hatte etwas Mühe mit dem Deutschen. Er freute sich sichtlich, als ich ihn nach der Show auf Holländisch begrüßte.

Obwohl ich die Musik von Bert Kaempfert nach wie vor gern höre, hat mich die Live-Show nicht vom Hocker gerissen. Der Sound wirkte doch dünn, was bei der schmalen Orchesterbesetzung zu erwarten war. So richtig mitreißen ließen sich die Hallenser nicht. Die Titel waren einfach aneinandergereiht, keine Geschichten dazu. Die tänzerischen Einlagen entlockten mir zwar neidvolle Bewunderung über die Beweglichkeit der attraktiven Akrobatin, konnten aber über ein gewisses Deplacement nicht hinwegtäuschen. Alles in allem ein gut gemeinter Versuch, uns Bert Kaempfert wieder nahezubringen, dem aber etwas Neues , Wegweisendes fehlte. Das Original ist immer noch besser.

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Über den Autor

Hans J. Ferenz ist freier Autor. Er schreibt über wissenschaftliche und kulturelle Ereignisse für Print- und Internetmedien.

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